Evangelische Kirchengemeinde St. Jacobi Greifswald
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Die Glocke der Greifswalder Jacobikirche

Im Turm der Jacobikirche haben wahrscheinlich einmal 4 Glocken gehangen. Für 2 kleinere Glocken ist belegt, dass sie 1917/ 1918 eingeschmolzen wurden. Der Verbleib der Dritten ist ungeklärt. Zwischen den Weltkriegen dachte die Gemeinde über 2 neue Glocken nach, es kam aber aus finanziellen Gründen nicht zur Anschaffung.

Die große „Betglocke“ wurde 1940 erneut zur Ablieferung gemeldet, ist jedoch im Jacobiturm geblieben - bis 1955. Sie hing an einer Holzvorrichtung mit Tretbalken. Sie bestand aus Bronze, und wurde 1494 gegossen. Ihr Gewicht betrug 3000 kg, der Durchmesser 1,45 m. Schlagton c. Zwei  Ritzzeichnungen zierten die Glocke: Jacobus der Ältere mit Pilgerstab und Rosenkranz; Kreuzigungsszene mit Maria und Johannes. Weiterhin trägt sie Minuskel-Inschriften: o + rex + glorie + criste + veni + cum + pace + amen + anno + domini + M + CCCC + L + XXXX + IIII + (O König der Herrlichkeit, Christus, komm mit Frieden. Amen. Im Jahr des Herrn 1494.)

Außerdem 2 Gießerzeichen, die bisher keiner bekannten Glockengießerei oder einem Künstler zugeordnet werden konnten.
1955 ging diese Glocke beim Turmbrand zu Bruch. Ihre Holzaufhängung verbrannte; ebenso die 5 Holzzwischendecken, durch die sie herunterstürzte. Obwohl zerbrochene Bronzeglocken zu Schrott erklärt wurden, konnte die Glockengießerei Franz Schilling Söhne in Apolda eine Freigabe und Umgussgenehmigung wegen Altertumswert erwirken und die fast vollständig vorhandenen Bruchstücke einschmelzen, um eine neue Glocke daraus zu gießen. Die Genehmigung galt nur für wenige Monate. So wurde im September 1955 die neue, allerdings dünnere Glocke gegossen. Die Glocke bekam wieder die alten Ritzzeichnungen und die alte Minuskelinschrift mit dem Zusatz: „Umgegossen nach dem Brande v. 31.3.1955 - Gelobt sei Christus“.

Außerdem bekam die Glocke das Gießerzeichen der Glockengießerei.
Nun stand sie in Apolda. 1959 schreibt der Glockenprüfer Paul Wutke, Erfurt: „Ich war sehr erfreut über den gut geglückten Faksimileguss. So erfüllt die Glocke wieder ihren eigentlichen Auftrag und ruft die Gemeinde, statt im Museum als toter Scherben bestaunt zu werden. Glockenbeschreibung: Schlagton d‘, Material Bronze, Gewicht 1596 kg, Durchmesser 134 cm, Höhe ohne Krone 114 cm, Gussjahr 1955, Besonderes: Faksimileguß nach der Rippe des alten Meisters! Dadurch wird das Werk des alten Meisters geehrt und außer der äußeren Gestaltung auch der Klang erhalten. ...Durch einen Zufall hatte Herr Architekt Heinzel/Querfurt kurz vor dem Brande die Außengestaltung der Glocke durch Abreibungen aufgenommen. So war es möglich, das wertvolle Kunstwerk aus dem Ende des XV. Jahrhunderts in alter Form wieder erstehen zu lassen.“ 

1961 war der untere Teil des Turmes der Jacobikirche wieder instand gesetzt. Aber das Dach fehlte noch und damit auch die Glockenstube. Erst 1966 kam die Glocke zurück nach Greifswald und wurde vor Pfingsten in ein Stahlgerüst mit gekröpftem Joch gehängt und per Hand kurz Probe geläutet. Am 10.7.1966 wurde sie in Dienst gestellt. Eine elektrische Läutemaschine konnte bis dahin nicht beschafft werden. Erst im Sommer 1969 wurde diese Anlage installiert. Im Zuge der Turmsanierung 2019/2020 wurde der inzwischen desolate Glockenstuhl durch einen neuen aus Eichenholz ersetzt, in dem die Glocke in einem ordentlichen Joch hängt und nach wie vor weithin zum Beten und zum Tun des Gerechten ruft.
(Text: Ruth Schneider)

Beschreibung der Glocke im Greifswalder Inschriftenverzeichnis.

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